Tagebau Garzweiler II, dem auch der Ort Lützerath weichen musste. (© Foto: Annette Hiller-Pahlow / LVR-ZMB)

Während meines Bachelorstudiums an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, habe ich im Rahmen eines Germanistik Seminars die sprachwissenschaftliche Disziplin Linguistic Landscape (LL) kennengelernt. In der intensiven Auseinandersetzung mit dieser jungen Forschungsdisziplin entstand die Idee, das LL von Lützerath im Zuge meiner Seminararbeit zu erheben und näher zu untersuchen. Lützerath, ein Dorf, das ehemals nahe der Stadt Erkelenz im nordrheinwestfälischen Kreis Heinsberg lag, gehörte zu denjenigen Dörfern, die dem Tagebau Garzweiler II aufgrund des Abbaus der darunterliegenden Braunkohle weichen mussten. Lützerath war in der medialen Aufarbeitung von besonderer symbolischer Strahlkraft, da es das letzte Dorf war, das im Rheinischen Revier geräumt werden musste. Infolgedessen hat es den Diskurs über den Kohleausstieg und die Notwendigkeit von Klimaschutzmaßnahmen verstärkt. Zum Entstehungszeitpunkt meiner Seminararbeit im August 2023, lagen die Räumung und der Abriss von Lützerath (Januar 2023) bereits sieben Monate zurück. Dennoch erinnerte das LL von Lützerath über den Zeitpunkt des Abrisses hinausgehend teilweise schmerzlich an dessen Existenz und an die symbolische Bedeutung des Ortes für zahlreiche Menschen.

Was ist ein Linguistic Landscape?

Linguistic Landscape (LL) ist eine sprachwissenschaftliche Forschungsdisziplin, die sich auf die Untersuchung von Sprache im öffentlichen Raum fokussiert. Diese Sprache kann in verschiedenen Formen auftreten. Zu den Erscheinungsformen zählen beispielhaft sprachliche Objekte, wie, Straßenschilder, Werbeschilder, Verkehrsschilder, Ladenschilder, Sticker und weitere. In der LL-Forschung werden solche sprachlichen Objekte als sog. LL-Token bezeichnet, die durch ihr Vorkommen im öffentlichen Raum ein LL bilden. Der öffentliche Raum beschreibt in diesem Zusammenhang Gebiete, die für die Öffentlichkeit frei zugänglich sind. Untersuchen lassen sich LL-Token u. a. hinsichtlich ihres relativen Bedeutungsgehalts sowie semantischer oder syntaktischer Aspekte (vgl. Gorter 2006 und Shohamy 2010).

An dieser Stelle wird eine spannende Betrachtungsweise angestoßen, insofern, dass ein LL-Token sprachwissenschaftlich auch in Verbindung mit Umweltzerstörung und Klimakrise auftreten kann. Das bedeutet, dass ein LL-Token die Klimakrise betreffende Perspektiven und Zustände thematisch aufgreift und widerspiegelt. Ebenso verhält es sich im Falle des LL von Lützerath, welches auch nach dem Abriss des Ortes und damit der Auslöschung von Lützerath weiterhin an seine einstige Existenz erinnert und zugleich als Indikator für indirekten Klimawandel agiert. Im Folgenden erläutere ich exemplarisch drei Beispiele von LL-Token, die in Verbindung zu Lützerath stehen und die ich gleichsam im Rahmen meiner Seminararbeit sprachwissenschaftlich untersucht habe.

Linguistic Landscape in Verbindung zu Lützerath

Der folgende LL-Token befand sich an einer Straße in der Nähe von Lützerath.

Verkehrsschild mit der handschriftlich ergänzten Aufschrift „Lützerath“ bei einer Autobahnabfahrt. (© Foto: Olivia Schulz)

Wie in Abbildung 2 dargestellt, handelt es sich hierbei um ein Straßenschild mit Ortsangaben, ein sogenannter richtungswegweisender Kreisverkehr, der gewöhnlich die Ausfahrten zu verschiedenen Ortschaften aufzeigt. Während die Ausfahrten zu den drei Ortschaften Bedburg, Jackerath und Erkelenz durch jeweils zwei verschiedene Ausfahrten innerhalb des Kreisverkehres klar markiert werden, bleibt die dritte mögliche Ausfahrt nur andeutungsweise skizziert. Es zeigt sich, dass hier der Richtungspfeil ausgelassen wurde, was isoliert betrachtet irritieren kann. So werden also von drei möglichen Ausfahrten lediglich zwei Ausfahrten regulär ausgeschildert. Demzufolge wurden allein die Orte Bedburg, Jackerath und Erkelenz als fester Bestandteil auf dem Verkehrsschild abgebildet. Interessanterweise wird nun die dritte Ausfahrt für den ehemaligen, inzwischen verschwundenen Ort Lützerath handschriftlich ergänzt um den Schriftzug Lützerath. Die Ortschaft Lützerath war demnach nicht mehr auf dem Schild in seiner ursprünglichen Form vermerkt und wurde lediglich nachträglich von Menschenhand aufgezeichnet, um zu demonstrieren, wohin diese Ausfahrt einst führte. Daraus lässt sich ableiten, dass der Abriss von Lützerath zum Zeitpunkt der handschriftlichen Ergänzung bereits abgeschlossen war und Lützerath faktisch nicht mehr existierte – weder auf der Beschilderung noch als tatsächlicher Wohnort mit seinen Bewohnern. Jedoch kann nun der Schriftzug Lützerath dazu beitragen, dass die Vergangenheit einer verschwunden Ortschaft Lützerath sichtbar sowie erfahrbar bleibt und weiterhin auf die Gegenwart einwirken kann (vgl. Okello und Duran 2021: 1).

Infolgedessen entfaltet die Neugestaltung des LL-Token zwei Ebenen: Erstens dient der händische Schriftzug als eindrückliche Metapher und Zeichen der Erinnerung (vgl. de Groote und Leuven 2014: 109). Dies rührt daher, dass der handschriftliche Zusatz Lützerath die Rezipienten des LL-Token regelrecht dazu zwingt, sich an die einstige Existenz des Dorfes auf eine wie auch immer geartete Weise zu erinnern. Somit verhindert die spezifische Konstruktion des LL-Token, dass Lützerath angesichts seiner tragischen Auslöschung zugunsten des Kohleabbaus im Garzweiler II Sektor allzu selbstverständlich in Vergessenheit geraten kann.

Zweitens kritisiert der LL-Token die RWE AG, die für die Entscheidung zur Eliminierung von Lützerath verantwortlich ist. Aus dieser Perspektive wirkt der LL-Token auf zweifache Weise. Zum einen wirkt es auf die Gegenwart, indem es durch die ergänzende Handschrift die vergangene Existenz von Lützerath hervorhebt. Zum anderen wirkt das LL ein weiteres Mal auf die Gegenwart, indem es ein bleibendes Mahnmal für Umweltzerstörung repräsentiert. Damit einhergehend dient der LL-Token ebenso als Indikator für indirekten Klimawandel, der durch die anhaltende Förderung fossiler Brennstoffe nachweislich befeuert wird.

Auch die nachfolgenden LL-Token dienen als Indikatoren für den indirekten Klimawandel. Der Braunkohleabbau um Lützerath wirkt sich direkt auf die betroffene Umwelt sowie indirekt auf den fortschreitenden Klimawandel aus. Exakt diese konkrete Folge des indirekten Klimawandels wird sprachwissenschaftlich in den folgenden zwei LL-Token akzentuiert.

LL angebracht an einen Leitpfosten mit dem zerstörten Lützerath im Hintergrund. (© Foto: Olivia Schulz)

Der in Abbildung 3 dargestellte LL-Token befand sich an einem Leitpfosten in der Nähe von Lützerath. Zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme war die Ortschaft Lützerath bereits abgebaggert. Der im Hintergrund erkennbare Schaufelradbagger markiert die Stelle, an der das Dorf Lützerath ursprünglich existierte.

Zentrales Element des LL-Token ist die Aufschrift fck RWE. Damit soll der Energiekonzern für sein unnachgiebiges Handeln diffamiert werden. Darunter findet sich im kleineren Schriftzug das Hashtag #LütziBleibt. Dieses Hashtag lehnt sich an den Leitspruch der Protestbewegung HambiBleibt! an, die sich auf den nahegelegenen Hambacher Wald bezieht – ein Waldgebiet, das durch den von RWE geförderten Braunkohletagebau Hambach bedroht war und auch künftig bedroht bleibt. Ganz im Gegensatz zu Lützerath konnte der Hambacher Wald jedoch zum damaligen Zeitpunkt infolge einer Gerichtsentscheidung (2023) zum unverzüglichen Stopp des Abbaus vorerst erhalten werden.

Beide Bewegungen, sowohl LütziBleibt! als auch HambiBleibt!, wurden von der führenden Initiative gegen den Kohleabbau in den betroffenen Regionen getragen: Alle Dörfer bleiben!. Diese Initiative lässt sich auch als Urheberin des hierzu gezeigten LL-Token identifizieren. Das gelbe Kreuz auf der rechten Seite – das Erkennungszeichen der Initiative – ist klar ersichtlich abgebildet. Die Botschaft von Alle Dörfer bleiben! ist hierbei unmissverständlich. Sie fordert den sofortigen Stopp des Kohleabbaus in Lützerath. Darüber hinaus artikuliert die Initiative ihre grundsätzliche negative Haltung gegenüber RWE. Die Aufschrift fck RWE bringt diese Haltung authentisch zum Ausdruck, da die Initiative von Menschen angeleitet wird, „die durch Tagebaue und Zwangsumsiedlungen direkt betroffen sind“ (Aufruf von Alle Dörfer bleiben! 2023). Verstärkt wird die Botschaft durch den ergänzenden Appell #LütziBleibt. Des Weiteren scheint die Platzierung an einem Leitpfosten gezielt gewählt zu sein, der in Richtung des im Hintergrund sichtbaren Schaufelradbaggers weist.

Der nächste LL-Token folgt ebenso dem Prinzip, indirekten Klimawandel zu kennzeichnen.

LL angebracht an einen Stromkasten nahe des ehemaligen Lützerath. (© Foto: Olivia Schulz)

Auch diese Fotoaufnahme entstand nach dem Abriss von Lützerath. Der entsprechende LL-Token ist an einem Stromkasten in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Orts Lützerath und somit nahe dem Tagebau Garzweiler II angebracht. Wie bereits im vorherigen Beispiel formuliert auch dieser LL-Token eine klare Botschaft.

Die Aufschrift IrRWEg Braunkohle verknüpft das deutschsprachige Wort Irrweg – im Sinne von ‚Fehlentwicklung‘ oder ‚falscher Kurs‘ – mit den Initialen des Unternehmens RWE. Dadurch entfaltet die Aussage IrRWEg Braunkohle eine doppelte Bedeutung, die sich wechselseitig verstärkt: Erstens wird der Braunkohleabbau im Allgemeinen als Fehlentwicklung in der Energiewende charakterisiert, was auf weiterführende Investitionen der Branche in konventionelle Energieformen beruht. Diese gelten weder als zukunftsfähig noch als vereinbar mit den Zielen des Klimaabkommens von Paris (2015).
Zweitens rücken die in den Begriff integrierten und farblich hervorgehobenen Buchstaben RWE das Unternehmen explizit in den Fokus der Kritik. Die RWE AG wird hier als wesentliche, treibende Kraft für die Erweiterung des Tagebaus Garzweiler II identifiziert. Dem Unternehmen wird somit zugeschrieben, mitverantwortlich zu sein für fortschreitende Umweltzerstörung sowie für das Scheitern der deutschen Klimaverpflichtungen und somit der Klimaziele. Zwar lässt sich der Urheber des in der Abbildung 4 gezeigten LL-Tokens nicht bestimmen, jedoch signalisiert die gelb hervorgehobene Schreibweise der Buchstaben RWE eindeutig eine inhaltliche Nähe und Solidarität zur Initiative Alle Dörfer bleiben!.

Resümierend lässt sich festhalten, dass die junge Wissenschaftsdisziplin LL in Verbindung mit der Auslöschung von Lützerath, einem Dorf, welches zur fossilen Energiegewinnung geopfert wurde, ein Zeichen der Erinnerung setzt sowie als Indikator für indirekten Klimawandel agiert.

Dieser Text ist in Gedenken an das für immer verlorene Dorf Lützerath und seine Menschen entstanden, die vom Verlust der Heimat und der mit dem Kohleabbau einhergehenden Zerstörung von Flora und Fauna betroffen sind.

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