Umsiedlung und Zukunftsperspektiven in Kuckum und Pödelwitz

Die Geschichte der Umsiedlungen im Rheinischen und im Mitteldeutschen Braunkohlerevier ist eine Geschichte von Heimatverlust, Neubeginn und gesellschaftlichem Wandel – und die Geschichten der Dörfer Kuckum und Pödelwitz stehen exemplarisch für die Konflikte und Hoffnungen dieser Prozesse.nd Wandel. Mach mit und werde Teil dieses kollektiven Bildgedächtnisses!
Kuckum: Jahrhundertealte Heimat, fast verloren und doch gerettet
Kuckum, heute ein Stadtteil von Erkelenz im Rheinischen Revier, blickt auf eine mehr als 700-jährige Geschichte zurück. Der Ortsname stammt aus der Zeit der fränkischen Landnahme und verweist auf eine Gründung wohl im 6. Jahrhundert: „Heim des Gugo“. Das Dorf gilt denen, welche hier aufgewachsen sind, als Inbegriff von Heimat – mit gewachsenen Nachbarschaften, jahrhundertealter Kirche und gelebter Dorfgemeinschaft. Seit den 1980er-Jahren geriet Kuckum, wie viele Dörfer im Rheinischen Revier, in den Schatten der Braunkohle. Der Tagebau Garzweiler II bedrohte Kuckum, ab 2016 erhielten die Einwohner*innen den offiziellen Umsiedlungsstatus.
In Bürgerbeteiligungsverfahren entwickelten sie gemeinsam mit Nachbar*innen aus umliegenden Orten wie Keyenberg oder Westrich ein Konzept für eine gemeinsame Umsiedlung in das neu zu errichtende „Erkelenz-Nord“. Viele entschieden sich dorthin zu ziehen – ihr altes Haus verkauften sie an RWE und bauten im neuen Ort. Obwohl zahlreiche Häuser in Kuckum dadurch Jahre lang leer standen, konnten oder wollten manche Bewohner*innen nicht fortgehen und lebten in diesem dem Untergang geweihten Ort weiter.
Nach jahrelangem Widerstand und Unsicherheit beschloss die Landesregierung 2021 mit der Leitentscheidung den vorzeitigen Kohleausstieg, die Kuckum und vier weitere Dörfer am Tagebau Garzweiler II offiziell vor der Abbaggerung rettete. Bewohner*innen aus diesen ehemals bedrohten Dörfern haben sich im Verein „Dörfergemeinschaft KulturEnergie“ zusammengeschlossen. Diese Gemeinschaft entwickelt solidarische und klimagerechte Visionen für die Zukunft ihrer Orte. Ihr Ziel ist es, die Dörfer zu einem Vorbild für modernes, ökologisches und soziales Landleben zu machen – mit Schwerpunkten auf Energie, Mobilität, Kultur, Ökologie, Daseinsvorsorge und Teilhabe. Der Verein sieht darin eine einzigartige Chance: Die vorhandene Infrastruktur soll genutzt und weiterentwickelt werden, um den Strukturwandel positiv zu gestalten. So stehen Projekte wie das „Leuchtturmprojekt Altersdorf“ im Fokus, das modellhaft den Wandel einer ländlichen Gemeinschaft in eine nachhaltigere Zukunft begleiten will.
Pödelwitz: Vom Widerstandsdorf zum Modell der Transformation
Pödelwitz liegt südlich von Leipzig im Mitteldeutschen Revier, eine Region mit ähnlicher Geschichte intensiven Braunkohletagebaus. Auch hier rückte der Energiekonzern – in diesem Fall LEAG (früher MIBRAG) – mit fortschreitendem Tagebau dem Dorf immer näher. Als in den 2000er-Jahren klar wurde, dass Pödelwitz dem Tagebau Profen weichen sollte, begann eine Geschichte des Widerstands und der Solidarisierung. Ein Teil der alten Bevölkerung verließ das Dorf, ein anderer blieb und kämpfte – ähnlich wie in Kuckum. Pödelwitz wurde bekannt durch Protestcamps, Umweltprojekte, alternative Wohn- und Kulturansätze.
Als mit dem Kohleausstieg beschlossen wurde, dass Pödelwitz erhalten bleibt, begannen die Bewohner*innen das Dorf als Ort für neue, nachhaltige Lebensformen zu gestalten. Mit kreativen Ideen und Initiativen wie dem Verein „Pödelwitz hat Zukunft“ entsteht ein Labor für ländliche Transformation: Gemeinschaftliches Wohnen, Klimaschutzprojekte, nachhaltige Landwirtschaft und die Öffnung des Dorfes für neue Bewohner*innen sollen Pödelwitz zu einem Vorbild der postfossilen Zukunft machen.
Vergleich: Verlust, Neubeginn – und die Zukunftspläne der Bewohner*innen
Beide Dörfer teilen die Erfahrung des massiven Einschnitts in ihre bisherigen Lebenswelten durch den Braunkohletagebau und die Bedrohung ihrer Existenz, die Bewohnerinnen und Bewohner beider Orte nehmen die Neugestaltung ihrer Orte in die eigenen Hände.
Kuckum (alt) wird inzwischen als identitätsstiftender Ort – Zeugnis vergangener Lebenswelten, wie ein lebendes Mahnmal – gesehen. Die Zukunftspläne richten sich einerseits auf Erhaltung, auf neuen Sinn für die alten Bauwerke; man denkt über neue Nutzungsmöglichkeiten nach, sei es für Kunst, öffentliche Begegnungen oder generationenübergreifende Wohnprojekte, aber auch über nachhaltige Energieversorgung und soziale Teilhabe.
Auch für die Pödelwitzer*innen ist die Zukunftsfrage eine Einladung zum Experiment: Über die letzten Jahre wurden viele Menschen angesprochen, die das Dorf als Experimentierfeld für solidarische, nachhaltige und gemeinschaftliche Lebensweisen begreifen. Die Visionen setzen vor allem auf alternative Formen des Zusammenlebens, nachhaltige Energieerzeugung, kulturelle Innovationen und eine Öffnung für Besucherinnen und Besucher. Die aktuellen Pläne schließen die Erprobung neuer Dorfentwicklungsmodelle ein, etwa regionale Partnerschaften, Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie sozial-ökologische Modellprojekte.
Was bleibt – und was wird neu?
Die Geschichten von Kuckum und Pödelwitz zeigen: Umsiedlung ist nicht nur Verlust, sondern auch Neuanfang. In beiden Dörfern prägen Erinnerungen, Wunden und Zukunftspläne die Identität – und die Bereitschaft, die eigene Geschichte zur Grundlage für Wandel zu machen.
Am Ende bleibt die doppelte Erfahrung: Strukturwandel hinterlässt bleibende Spuren, aber auch einen Möglichkeitsraum, der Heimat neu definieren kann.



