Ein gepflasterter Vorplatz eines großen mehrstöckigen Industriegebäudes mit verklinkerter Fassade. Über dem Haupteingang steht der Titel "Energiefabrik Knappenrode" und die dazugehörige sorbische Übersetzung.
Haupteingang der Energiefabrik Knappenrode (© Foto: A. Schneider-Reinhardt)

Von der Heide zur Industrielandschaft

Vor gut 120 Jahren war die Region zwischen Hoyerswerda und Kamenz noch ein unscheinbares, sumpfiges Land, geprägt von Kiefernwäldern, sandigen Wegen und sorbischen Dörfern. Doch dann, im frühen 20. Jahrhundert, griff der Hunger nach Energie wie ein Lauffeuer auf das Land über. Die Lausitz – ihr „braunes Gold“ verborgen unter der Erde – rückte in den Fokus des industriellen Fortschritts.

Der Industrielle Joseph Werminghoff erkannte früh das Potenzial: 1913 ließ er nahe Hoyerswerda einen Tagebau ausheben, den „Werminghoff I“ – direkt daneben begann wenig später der Bau einer Brikettfabrik. Als 1918 die erste Brikettpresse in Betrieb genommen wurde, war dies nicht nur das Zeitalter einer neuen Technologie, sondern auch der Beginn einer Zeitenwende.

Die monumentalen Backsteinbauten der Fabrik wuchsen schnell; Dampfmaschinen bestimmten den Pulsschlag. Die einstigen Heideflächen verwandelten sich in eine aufblühende Werkssiedlung mit Wohnhäusern, Kaufhaus, Bahnhof, sogar einem eigenen Friedhof – die Erde, in der die Menschen arbeiteten und schließlich auch beerdigt wurden, gehörte dem Werk.

Brikettpower und Schicksalsstunden

Der Boom der 1920er- und frühen 1930er-Jahre zog Arbeitskräfte aus dem gesamten damaligen Europa an. Die neuen Maschinen im Inneren der Fabrik signalisierten der Außenwelt Fortschritt, doch wer durch das Fabriktor ging, spürte die harte Realität: Dampf, Lärm, Kohlenstaub – und ein unerschütterlicher Zusammenhalt unter den „Kumpeln“. Jeden Tag wurden kleine, handliche Kohlebriketts gepresst. Zu Spitzenzeiten verließen mehr als 1,5 Mio. Tonnen Briketts jährlich die Werkstore. Die Brikettfabrik Werminghoff – ab 1950 Knappenrode – galt als eine der modernsten im Land.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Maschinen als Reparationsleistung an die Sowjetunion abgegeben werden, doch schon 1948 presste die erste Brikettpresse wieder Kohle. Es folgten Jahrzehnte der Energieproduktion; zur Zeit der DDR war die Fabrik eine Energiezentrale für die Region. Hier brummten Tag und Nacht die Förderbänder, Pressen und Trockner – 67,3 Mio. Tonnen Briketts wurden insgesamt produziert.

Eines der dunkelsten Kapitel: 1978 ereignete sich eine verheerende Kohlenstaubverpuffung in der Fabrik, die fünf Menschen das Leben kostete und viele Familien schwer traf.

Abschied und Aufbruch: Vom Arbeitsplatz zum Erinnerungsort

Nach der deutschen Wiedervereinigung kam das große Ende. Mit der Umstrukturierung der ostdeutschen Industrie wurde am 25. Februar 1993 um exakt 11 Uhr zum letzten Mal die Dampfsirene geläutet. Noch bevor die Maschinen endgültig verstummten, kämpften ehemalige Kumpel und Engagierte dafür, dieses einzigartige Zeitzeugnis zu bewahren. Dies gelang: Im Juni 1994 eröffnete das Gelände als „Lausitzer Bergbaumuseum“ und später als „Energiefabrik Knappenrode“ – ein fast vollständig erhaltenes Ensemble industrieller Brikettierkunst, das mittlerweile als bedeutendste Stätte der Lausitzer Industriekultur gilt.

Imposant ragen die originalen Hallen in der Landschaft. In ihnen finden sich eine lückenlose Folge von Pressen, Sieben und Trocknern, die man heute auf dem „FabrikErlebnisRundgang“ auf eigene Faust entdecken kann. Besonders beeindruckend: Der charakteristische Duft von Kohlestaub und Maschinenöl schwebt noch immer durch die Gänge – so wird Zeitgeschichte mit allen Sinnen erlebbar.

Heute: Fenster zur Zukunft einer sich wandelnden Region

Mit der Braunkohle endete auch ein Lebensabschnitt der Lausitz – doch die Energiefabrik Knappenrode ist längst zu einem „Fenster in Vergangenheit und Zukunft“ geworden. Nach Umbauten und Modernisierungen wurde sie 2020 als modernes Museum wiedereröffnet. Multimedia-Guides, spannende Ausstellungen und Sachsens größte Sammlung historischer Öfen („Heiß geliebt!“) stehen nicht nur für das Erinnern, sondern auch für eine neue Perspektive: Knappenrode ist heute ein Ort für Besuchende aus ganz Europa, Drehscheibe für Industriegeschichte, Technikbegeisterte, Radreisende und Schulklassen.

Das Museum erzählt auch von Heimat, Identität und Wandel. Hier erfährt man, wie die Lausitzer Seenplatte aus einstigen Tagebauen entstand; wie die Menschen der Region anpacken, mit Verlusten und Chancen umgehen und neue Geschichten weben. Die Energiefabrik ist heute ein Geburtsort der deutschen Energiegeschichte – und ein Ort, der nie aufhört, Fragen zu stellen: Nach der Zukunft des Energiemix, dem Umgang mit Ressourcen, aber auch nach dem, was uns miteinander verbindet.

Ausstellungstafel mit textlichen und bildlichen Informationen zu Braunkohlepressen. Im Hintergrund sieht man in einen alten Industriegang mit vielen Rohren und Zylindern hinein.
Industriekultur hautnah: Ausstellungsfläche in der Energiefabrik Knappenrode (© Foto: A. Schneider-Reinhardt)
Industrielle Halle mit modernen Einrichtungsgegenständen wie Sitzmöglichkeiten, Beleuchtung und Informationstafeln.
Eingangshalle der Energiefabrik Knappenrode (© Foto: A. Schneider-Reinhardt)

Mehr als Kohle

Die Geschichte der Energiefabrik Knappenrode ist die Erzählung eines Jahrhunderts – sie reicht von Werkshallen über die Tragödien des Bergarbeiterlebens bis hin zur Region für Wandel. Einst sorgte hier die Kohle für Licht und Wärme, heute tut dies die Erinnerung selbst – als Mahnung, Inspiration und Mutmacher für die Zukunft.

Verklinkerte, mit vielen teils vertikal-länglichen Fenstern versehene Frontfassade eines alten, großen Fabrikgebäudes mit Industrieschornstein auf dem Dach. Im Vordergrund sind kleinere vorgelagerte Gebäude und ein leerer Parkplatz zu sehen.
Fassade der Energiefabrik Knappenrode (© Foto: A. Schneider-Reinhardt)
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