Project Description
„Auf den Spuren der Braunkohle in Mitteldeutschland – Vom Kraftwerk zum Kulturraum“

Mittwoch, 15. Oktober 2025: Exkursionsbeginn – Zschornewitz, Ferropolis, Goitzschesee
Der Morgen über Halle war kühl, als wir uns kurz nach neun Uhr auf den Weg machten – erwartungsvoll und bereit für drei Tage, die uns in das Herz des Mitteldeutschen Reviers führen sollten. Andreas Ohse, unser kundiger Begleiter für diesen ersten Exkursionstag, erzählte von Arbeiterkultur und Pioniergeist vergangener Zeiten und von Vereinen, die heute zwischen den alten Mauern neues Leben stiften. Unser erstes Ziel war Zschornewitz.
Die Reste des ehemaligen Kraftwerks, das 1915 in nur neun Monaten als modernstes und größtes Braunkohlekraftwerk der Welt errichtet wurde. Es versorgte zunächst die umliegende Region, später auch Berlin mit Strom. Da das vom Bundesland Sachsen-Anhalt geförderte Netzwerk Industriekultur inzwischen die noch stehengebliebenen Gebäude des ehemaligen Kraftwerks übernommen hat, um diese einer musealen Nutzung zuzuführen, konnten wir diese besichtigen. Bereits jetzt spürt man, dass hier Industriekultur nicht nur ein museales Thema, sondern gelebte Erinnerung ist. Seit 2024 ist hier auch das Forum Rathenau angesiedelt, welches als Verein interdisziplinär zur Vernetzung hinsichtlich des Umgangs mit der Braunkohle beiträgt. Die zugehörige Werks- und Arbeitersiedlung wurde nach städtebaulichen Idealen der Gartenstadtbewegung angelegt.


Nur wenige Minuten trennen Zschornewitz von Ferropolis, der „Stadt aus Eisen“. Als wir die riesenhaften Bagger sahen, die wie urzeitliche Wesen am Ufer des Gremminer Sees, einem gefluteten Tagebaugelände bei Gräfenhainichen aufragen, wurde greifbar, welche Kräfte hier einmal gewirkt hatten. Die Freiluftausstellung mit ihren fünf Großgeräten – darunter die Absetzer „Medusa“ und „Gemini“ – vermittelt ein anschauliches Bild der Braunkohletechnik und ihrer Maßstäbe. Seit den 1990er-Jahren ist Ferropolis nicht nur ein Denkmalort, Industriekultur ist hier auch Bühne für zahlreiche Veranstaltungen. In den Innenräumen von Ferropolis befinden sich Ausstellungen zur Geschichte des Braunkohletagebaus, zur Entwicklung der Großgeräte sowie zu den Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute; ergänzt werden sie durch multimediale Installationen, Modelle und historische Fotografien, die den Wandel vom Industriestandort zum Kultur- und Veranstaltungsort dokumentieren.


Der Nachmittag führte weiter zum Goitzsche-See bei Bitterfeld, einem weiteren Beispiel eines gefluteten Tagebausees. Der Goitzsche-See entstand aus dem gleichnamigen Braunkohletagebau, der von 1949 bis 1991 rund 317 Millionen Tonnen Kohle förderte und mehrere Dörfer wie Paupitzsch und Niemegk dem Abbau zum Opfer fallen ließ, bevor ab 1999 die Rekultivierung mit Flutung begann. Durch das Mulde-Hochwasser 2002 füllte sich der See innerhalb von 36 Stunden über den Sollpegel hinaus und entwickelte sich trotz anfänglicher Überschwemmungen zu einer 25 km² großen Seenlandschaft mit vielfältiger Nutzung für Tourismus, Wassersport und Naturschutz.
Der markante 26 Meter hohe, auf dem Wasser schwimmende Stahlturm, der sog. Pegelturm auf der Halbinsel Agora steht sinnbildlich für die neuen Nutzungsformen dieser vom Menschen geschaffenen Landschaft – Tourismus, Freizeit, Naturentwicklung. Bereits seit dem Jahr 2000 kann mit der Besteigung des sich mit dem Wasserspiegel hebenden Turms die Entwicklung der Landschaft beobachtet werden.


Donnerstag, 16. Oktober – Hohenmölsen, Mondsee und Deuben
Am zweiten Exkursionstag stand die Region um Hohenmölsen im Mittelpunkt.
Ulrike Kalteich von der Kulturstiftung Hohenmölsen führte uns durch den Ort und zeigte, wie sich Stadtstruktur und Identität über Jahrzehnte hinweg immer wieder an neue wirtschaftliche Bedingungen anpassen mussten. Hier führte der Braunkohletagebau seit den 1930er-Jahren zur Devastierung mehrerer Dörfer wie Gaumnitz (1930), Mutschau und Köttichau (1950er) sowie Großgrimma (1994), deren Bewohner in Neubausiedlungen in diese Stadt umgesiedelt wurden, was zu einem Bevölkerungszuwachs, neuen Schulen und einem Bürgerzentrum führte. Anschließend vermittelte Ulrike Kalteich in einer anschaulichen Ausstellung die historische Stadtentwicklung und ihre Prägung durch den Braunkohletagebau.
Ein kurzer Abstecher führte zum Tagebaurand mit Aussichtspunkt in den Tagebau Profen. Der Aussichtspunkt bietet einen beeindruckenden Blick in die aktive Abbaufläche. Ergänzt wird dies durch ein multimediales Informationsangebot. Am Standort kann man mit dem eigenem Handy über Filmsequenzen die jeweiligen Situationen an Ort und Stelle aus vergangenen Zeiten abrufen. Anhand von Tafeln werden die geologischen, technischen und landschaftlichen Aspekte des Braunkohletagebaus anschaulich vermittelt. Hier verläuft auch die „Mitteldeutsche Straße der Braunkohle“ – eine thematische Route, die Orte des Bergbaus und seiner Transformation verbindet.
Am Erholungspark Mondsee – entstanden seit den 1990er-Jahren durch die Rekultivierung ehemaliger Tagebauflächen – erläuterte Kirsten Reichert, Geschäftsführerin des Parks mit Campingplatz und Bungalows zum Übernachten, die Entwicklung vom Abbaugelände zum Erholungsraum. Kleine Wege führen heute durch eine vielseitige Uferlandschaft, die ökologische und touristische Funktionen verbindet. In Form von Wandelgängen wird an die 15 umgesiedelten Dörfer wie Schwerzau, Domsen, Pirkau und Stöntzsch erinnert, die dem Braunkohletagebau weichen mussten.


Im Bergbaumuseum Deuben erläuterte Alexander Börner die Geschichte der Braunkohleförderung in der Region und aktuelle Vorhaben des vom Heimatverein „Zeitz-Weißenfelser Braunkohlerevier“ getragenen Museums, so zum Beispiel ein geplantes Vorhaben, das die Digitalisierung der umfangreichen historischen Fotosammlung vorsieht – als Pilotprojekt für den gesamten mitteldeutschen Revierraum. Besonders beeindruckte uns hier der nachgestaltete Untertage-Stollen in den Kellerräumen des Gebäudes mit originalem Gerät, Fördertechnik, Geräuschkulisse und engen, niedrig beleuchteten Gängen, die die Arbeitsbedingungen der Bergleute nachvollziehbar werden lassen. Umfangreiche Ausstellungsbereiche informierten zu regionaler Bergbaugeschichte, Sozial- und Alltagsleben der Kumpel sowie zur Entwicklung des Braunkohleabbaus in der Region.

Freitag, 17. Oktober – Geiseltal und Pfännerhall
Der dritte Tag führte ins Geiseltal, wo der Strukturwandel besonders früh einsetzte. In der Zentralwerkstatt Pfännerhall, einem denkmalgeschützten Ensemble der ehemaligen Brikettfabrik, informierte der Förderverein über die Geschichte des Geiseltaler Tagebaus und die Entwicklung des Areals zu einem Zentrum für Industriekultur, Umweltbildung und Tourismus. Die Ausstellung verdeutlicht eindrucksvoll die technischen und sozialen Dimensionen des Kohleabbaus. Die Ausstellung zeigt außerdem eine originalgroße Rekonstruktion eines 1985 im Tagebau entdeckten Waldelefanten und bettet ihn zusammen mit weiteren Fossilienfunden in die Erdgeschichte und Landschaftsentwicklung des Geiseltals ein.
Der Braunkohleabbau im Geiseltal begann bereits 1698 mit ersten Funden und intensivierte sich ab 1834 durch Großtagebaue, die bis 1993 etwa 1,4 Milliarden Tonnen Kohle lieferten und denen 18 Dörfer zum Opfer fielen. Nach der Flutung ist der Geiseltalsee heute Deutschlands größtes künstliches Gewässer mit rund 26 Quadratkilometern. Ein Abstecher zu Fuß auf die etwa 200 Meter lange Seebrücke Braunsbedra, sie existiert seit 2014, zeigte, wie umfassend sich das Landschaftsbild durch die Flutung des Tagebaus zum Geiseltalsee verändert hat.
Zum Abschluss wanderte die Exkursionsgruppe auf den am See gelegenen Weinberg Oberklobikau, eine ehemalige Abraumhalde, auf dessen steilem Südhang Müller-Thurgau („Goldene Steiger“) und andere Sorten angebaut werden, die durch das Mikroklima eine besondere Qualität erreichen.





