Project Description
Juli 2025: Kultur-Tagung in München

Tagung KULTUR FÜR ALLE(S)?! Kulturpraxis in ländlichen Räumen
30.6.25 – 2.7.25 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Tagung des Instituts für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Netzwerks Landesstellen und außeruniversitäre Forschungsinstitutionen in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft
Kultur gestalten im ländlichen Wandel – Perspektiven aus dem Rheinischen Revier
Im Mittelpunkt der interdisziplinär angelegten Tagung stand die Frage, wie Kulturakteur:innen und kulturwissenschaftliche Forschung Transformationsprozesse in ländlichen Regionen begleiten und mitgestalten können. Vor dem Hintergrund struktureller Herausforderungen wie Deindustrialisierung, Abwanderung, Überalterung und rechtspopulistische Zugewinne wurde der ländliche Raum nicht als reiner Problemfall, sondern als kulturell aktiver Gestaltungsraum betrachtet. Die Panels diskutierten, wie Museen, Vereine, Künstler:innen, Ehrenamtliche und Forschende gemeinsam Räume für gesellschaftliche Teilhabe, Identität und neuen Zusammenhalt schaffen können – sogenannte „Dritte Orte“. Besonders eindrucksvoll zeigte dies das Panel „Strukturwandel gestalten“, das am Beispiel des Rheinischen Reviers drei unterschiedliche Zugänge zum Thema präsentierte: aus der Perspektive der empirischen Forschung, der kulturpolitischen Vermittlung und der regionalen Entwicklung.
Umsiedlung dokumentieren (Andrea Graf)
Andrea Graf vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte widmete sich dem kulturellen Wandel im Zuge der Umsiedlungen durch den Braunkohleabbau. In ihrem Beitrag wird deutlich, dass der Verlust des physischen Ortes weitreichende Auswirkungen auf das soziale Gefüge, das Vereinsleben und traditionelle Bräuche hat. Anhand des Filmprojekts mit der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Keyenberg lässt sich nachverfolgen, wie gelebte Kultur als ein Ort der Aushandlung von Vergangenheit und Zukunft fungiert. Der Film dokumentiert nicht nur äußere Veränderungen, sondern vor allem das emotionale Ringen um Zugehörigkeit, Heimat und Neuanfang. Wer sind wir jetzt – ohne unseren alten Ort, aber vielleicht mit neuen Chancen? Diese Fragen stellen sich nicht nur für die Bruderschaft, sondern für viele Menschen in der Region, deren kulturelle Identitäten von tiefgreifenden Einschnitten betroffen sind. Graf zeigte exemplarisch, dass kulturelle Praxis auch Widerstand sein kann – gegen das Vergessen und gegen eine rein technische Sicht auf Strukturwandel.
Kulturorte entwickeln (Annette Schneider-Reinhardt)
Annette Schneider-Reinhardt beleuchtete in ihrem Beitrag die Prozesse rund um die Erstellung einer Ausstellungskonzeption für das Dokumentationszentrums zum Tagebau Garzweiler. Hier geht es nicht nur um museale Aufarbeitung, sondern um einen Ort, der soziale Teilhabe, Erinnerungskultur und regionale Selbstvergewisserung ermöglichen soll. Schneider-Reinhardt reflektierte ihre Rolle als Kulturwissenschaftlerin im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Neutralität, gesellschaftlichem Engagement und politischen Rahmenbedingungen. Besonders eindrücklich war ihr Vergleich mit Erfahrungen aus dem Mitteldeutschen Revier, der zeigte, wie unterschiedlich Regionen bei ähnlichen Herausforderungen aufgestellt sind. Ihre Forschung ist selbst Teil des Transformationsprozesses als Plattform, Vermittlung und Impuls. Damit illustrierte ihr Beitrag auf exemplarische Weise die Potenziale, aber auch die Fallstricke von partizipativer Kulturarbeit im Kontext großer Infrastrukturveränderungen.
Zukunft mitgestalten (Giulia Fanton)
Giulia Fanton führte in die Arbeit des interdisziplinären LVR-Teams „geSCHICHTEN Rheinisches Revier“ ein, das sich der Aufgabe verschrieben hat, Kultur im Transformationsprozess sichtbar und wirksam zu machen. Ihr Beitrag unterstrich, dass Strukturwandel nicht allein ökonomisch gedacht werden kann. Vielmehr müssen regionale Zukunftsvisionen auch kulturelle Narrative und kollektive Erinnerungen einbeziehen. Fanton sprach sich für eine ganzheitliche Strategie aus, die kulturelles Erbe nicht nur bewahrt, sondern als lebendige Ressource für die Neuausrichtung der Region versteht. Dazu gehören die Entwicklung partizipativer Vermittlungsformate ebenso wie die Stärkung regionaler Netzwerke und die Sichtbarmachung von bislang marginalisierten Perspektiven. Das Team versteht sich dabei als kultureller Akteur, das gemeinsam mit der Bevölkerung die Geschichten der Region (neu) erzählt – Geschichte als Werkzeug der Gegenwartsgestaltung.
Fazit
Insgesamt machten die Beiträge deutlich, dass kulturelle Akteur:innen und Forschende in ländlichen Transformationsprozessen Schlüsselrollen einnehmen. Sie dokumentieren, begleiten und gestalten gleichzeitig Veränderungsprozesse – als Kulturkümmerer, Übersetzerinnen, Forschende und Mediator:innen. Die Diskussion im Anschluss an die Vorträge zeigte, wie komplex das Zusammenwirken von politischen Erwartungen, kulturellen Ansprüchen und wissenschaftlicher Integrität ist. Wie lässt sich Kultur fördern, ohne sie zu instrumentalisieren? Wie können Beteiligte aus der Region selbst tragende Rollen übernehmen? Und wie positionieren sich Forscher:innen, die zugleich Teil des Prozesses werden?
Die Tagung lieferte keine einfachen Antworten, aber wertvolle Perspektiven. Sie machte eindrücklich deutlich, dass Kulturpolitik, Wissenschaft und bürgerschaftliches Engagement gerade im ländlichen Raum gemeinsam gedacht werden müssen, um Wandel nachhaltig zu gestalten – nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial, historisch und kulturell.






