Ein Ford Escort erinnert sich

Meine Geschichte
Also ich möchte mich zuerst vorstellen:
Ich bin ein Ford Escort -BJ.2000 -Karman-Deutschland
Mein Nickname war FROSCH
Fröhliche Roadkarre offener sonnenhungriger CO2 geregelter Hingucker
Nun ja, die letzten 2 Jahre, bevor ich in Rente gehen und dafür ein H-Kennziechen bekommen sollte,
verbrachte ich in einem Dorf, im Rheinischen Revier, Namens Merzenich.
Eigentlich stammte ich z. Teil aus Köln und Osnabrück. Meinen Lebensschwerpunkt hatte ich aber zuvor im schönen Odenwald, auch in Deutschland,
aber mit gut bewaldeten Hügeln, leckerem Wein und fröhlichen Menschen und vor Allem, mit guter Luft.
Warum mich mein Besitzer dann hierher brachte, war mir nicht verständlich.

Da stand ich nun, vor oder in einer Garage in diesem Merzenich und wartete auf die ersten Sonnenstrahlen, um meine Wintermütze endlich mal wegzulegen
und die frische Luft zu atmen, die drum herum bisher vorhanden war.
Doch groß war mein Schock, als meine neuen Besitzer mit mir die erste Ausfahrt im Frühjahr 2024 machten.
Es ging entlang einer hoppeligen kleinen Landstraße, mit intensivem Dunstgeruch der nahen Sauerkrautfabrik in meinem Ansaugstutzen.
Auf den vorbeihuschenden Schildern konnte ich noch die Namen Weissweiler und Eschweiler entziffern, sowie Alt-Morschenich und Jülich.

© Foto: A. Hoffmann

Ja, Jülich war mir bekannt, gabs da nicht so einen Reaktor mit strahlendem Inhalt? Power to the Future? oder so?
Aber ich freute mich, endlich, jetzt gabs was zu strahlen dachte ich.
Doch weit gefehlt, noch vor dem Ortsschild Jülich bogen wir nach rechts ab. Auf dem Schild stand HAMBACH.

Hambach ? hm also was mit Wasser und Ham.
Ah ja, das kannte ich von meinem ersten Englandausflug mit den Vorbesitzern.
Ham and Egg, genau, roch schrecklich, wenns zubereitet wurde, so als ob mein Motor einen Dichtungsschaden hätte und altes Öl verbrannte.
Ne, was sind das denn für neue Besitzer? Ich stöhnte auf.
Ich ließ ein wenig die Kupplung rutschen und quietschen in der Hoffnung, dass beide Zweibeiner in mir hoffentlich was bemerkten.

Da gings auch schon um die nächste Kurve, kreisch. Ich wurde stark abgebremst. Wieso? Kein Reh, keine Kuh, kein Schaf, vor meiner Stoßstange und meinen Augen zu sehen.
Ich erkannte nur so komisch verkleidete Zweibeiner in schwarzen Säcken.
Ah dachte ich, Fassenacht!
Stimmt, das kannte ich, da verkleiden sich die Zweibeiner in so komische Gewänder und hüpfen singend durch die Straßen der Dörfer.
Das gabs also hier auch, lustig.
Da kam Freude auf. Aber nix da, die finsteren Zweibeiner schwenkten Zettel und rote Lampen und riefen wild durcheinander.

Mit meinem Lesen war es ja nicht so gut bestellt, ich hatte zwar gute Augen bekommen, aber im Sprachunterricht war ich doch eher auf die englische Spreche programmiert, schließlich war ich ja ein Jubiläums-Exemplar mit EG Status.

© Foto: A. Hoffmann

Erhaltet den Hambiforst, stand auf einem Plakat
und Ende der Braunkohlenförderung.
Hm dachte ich, hatte ich bis dato nie was von gehört, komische Fastnacht hier.
Peng, wurde ne Flasche und dann noch eine Schüppe Dreck in mich hineingeworfen, keine Kamelle.
Pfui dachte ich, so ein Dreck, macht man doch nicht.
Komische Fastnacht, ach ne hier sollte das doch Karneval heißen.
Na ja, was soll ich sagen, meine Besitzer, ich nenne sie hießen Franz und Angel, zerrten an meinem Lenkrad,
so das sich meine Vorderräder fast quer zur Straße stellten, traten gehörig auf das Gaspedal.
Ich konnte die Wucht des Startes kaum aushalten und mit quietschenden Reifen sausten wir los, eine große Staubwolke hinter uns lassend.
Wau. Was war das denn?
Waren wir soeben Zeugen eines Verbrechens geworden, eines Überfalls oder eines Diebstahls?
Die beiden fuhren einen anderen Weg zurück, durch schöne Felder, aber immer mit so eigenartigen dunklen, braun gelben Wolken am Himmel,
so dick, dass sich sogar die Sonne dadurch verdunkelte.

© Foto: A. Hoffmann.

Brr. Wo war ich hier nur hingekommen, dachte ich, und mein schönes Blechgewand wurde blass von soviel Staub.
Da stellten sie mich auch schon ab und ließen mich offen stehen, an einem halb aufgeblühten Rapsfeld brr.
So hatte ich mir mein neues Autoleben nicht vorgestellt.
Ich wurde richtig traurig und unter meinem Motorraum tropften wässerig meine Tränen auf den Seitenstreifen, huhu.
Einige Tage später wurde ich aber geputzt und gewachst, poliert und beduftet.
Was nun, fragte ich mich, aber schon bei der Ausfahrt aus der Garage ahnte ich, dass es wohl heute etwas Besonderes gab.
Meine Rückbank wurde mit einer schönen, flauschigen Decke überzogen, als Schutz vor dem Fastnachtsdreck, dachte ich.
Nein, zwei weitere Zweibeiner setzen sich auf meine Rückbank.
Sie waren bunt gekleidet, mit rot, orange-farbenen Westen, dunklen Hosen und so komischen Mützen mit Schlitzen.
Also doch wieder Fastnacht dachte ich.
Die feiern hier aber lange.
Nach einer kurzen Fahrt kamen wir auf einem Feldweg zum Stehen.
Bier, oder Buir, oder so ähnlich stand auf dem Schild.
Ach so die Zweibeiner wollten zur Arbeit aufs Feld?.
Na ja komische Leute die Beiden, aber die Anderen auch.
Auf einmal sah ich in meinem Rückspiegel Blaulicht, große Polizeiautos und einen Krankenwagen herankommen.
Ich fand erstmal keine Erklärung dafür, war doch alles so friedlich hier, oder?
Auch ich fühlte mich eigentlich noch ganz gesund.
Meine Zweibeiner hüpften aus mir heraus, ohne meine weiten Türen zu öffnen und zack waren sie zwischen den Bäumen am Wegesrand, verschwunden.
Mir gefiel das ja gar nicht, aber irgendwie war es auch spannend, denn es kamen noch viele Zweibeiner vorbei, manche klopften mir aufs Blech,
einige schauten in meine Spiegel und rückten sich ihre komischen Mützen zurecht. Einer klappte sogar einen meiner Rückspiegel weg, was sonst nur in der Garage passierte.
Etwas Ekeliges passierte auch noch, aber von dem Vogeldreck der auf meine schönen Wurzelholz-Armaturen fiel, will ich nix erzählen, pfui.
Na ja, irgendwann kamen die Zweibeiner zurück, sie hatten dunkel-braune matschige Stiefel an und?
Ne machten sie nicht, sie zogen sie aus und verstauten sie in meinem großen Kofferraum.
Was dann mehr übel roch, deren Füße oder das qualmende Gummi, beim Flutschen lassen meiner Kupplung, ich weiß es nicht mehr,
aber beides zusammen raubte mir fast den Verstand.
Ich war einer zündenden Ohnmacht nahe. Na ja ich war ja brav, und nach dreimaligem Durchatmen, der hier nicht besonders guten Luft,
lies ich meine Verkrampfungen los, öffnete brav meine Drosselklappe, lies ein paar Tropfen Benzin in meine Kolben träufeln und peng.
Da konnten wir starten und zurückfahren, zu meiner kuscheligen Garage.
Tja was soll ich euch sagen, nach dem Ausflug war ich kaum wieder zu erkennen.
Mein schöner glitzernder blau-grüner-Lack war stumpf geworden
und eine dicke Staubschicht hatte sich auf mein Verdeck und auch auf meine Motorhaube gelegt.

© Foto: A. Hoffmann

Ne nicht gut hier, nicht gut hier, dachte ich und ich hatte eine nicht so gute Zeit vor mir.
Eines Tages jedoch wurde ich wieder geputzt.
Die Zweibeiner fuhren mit mir in ein altes Dorf. Ich glaub, Alt-Most nich, oder ähnlich. Morschenich, das Schild war nicht mehr gut leserlich.
Ja, Most kannte ich noch aus dem schönen Odenwald, den musste ich oft kistenweise transportieren,
aber hier kam meinst nur Kölsch in den Kofferraum ein komisches Getränk. Da war mal ne Flasche ausgelaufen und ich konnte etwas davon genießen.
Ne dachte ich, nicht so meins, und schneller starten konnte man damit auch nicht.
Na ja in dem ‚Dorf konnte ich wenigstens auf einer Wiese stehen.
Kühe standen am Zaun gegenüber und lustige Zweibeiner tanzten irgendwie herum.
Gegenüber war ein Plakat angebracht:
TU-Hambach stand drauf.
Wie, hatte ich das nicht schon mal gesehen?
Aber ohne mit TU, meine ich.
Hier gibt’s sicher was zum Tun, darum auch so viele lustige und bunte Zweibeiner.
Das gefiel mir, auch das ich die ganze Nacht draußen alleine stehen durfte, mit offenem Verdeck.
Am Himmel über mir waren keine dunklen Wolken mehr, nur Sterne der Mond und ab und an der Ruf eines Uhus.
Ja, das gefiel mir, wenn es auch etwas frisch war.
Aber so ist das wohl hier in der Mitte von Deutschland, immer war es zu kühl, oder was zu heiß, nie richtig.

Ich wurde erst geweckt, als ein komisch sprechender Zweibeiner vor mit stand,
noch nicht soo alt, mit lustiger Kappe und komischem Dialekt.
Er sah auch etwas anders aus, als die meisten Zweibeiner drumherum.
Er sprach irgendwie von Läusen? Blitzen und großen Löchern die man nun zumache. Ein Arzt, oder ein Außerirdischer dachte ich?
Oder er erzählte irgend so ne Horrorgeschichte, die er sich ausgedacht hatte, weil er am Abend zuvor zu viel Kölsch getrunken hatte.
Sicherlich, aber die anderen Zweibeiner hörten ihm sehr interessiert zu. Dann kam er ganz dicht an mich ran und streichelte nachdenklich meine Blechhaut.
Uii, das gefiel mir, auch klopfte er mit den Fingern aufs Armaturenbrett und sagte was von 2030 und das er sich melden würde.
Hm, die nächste Zeit verging für mich wie im Fluge, wir fuhren noch öfters in dieses alt-Most Dorf.
Aber das Schild verschwand irgendwann und dann stand dort Bürgerwald drauf.
Das gefiel mir: BÜRGER WALD, schön mit viel frischer Luft und Sternen am Himmel.
Ja, hier würde ich dann doch gerne bleiben, dachte ich.
Denn ich wusste schon, dass ich nächstes Jahr in Rente gehen würde und dann, man weiß ja nie, wie lange so ein Leben noch nach der Rente dauert,
meine nächsten 25 Jahren hier verbringen würde.
Ich war froh, noch nicht ausgemustert worden zu sein.
Die dann folgende Winterzeit und den nächsten Sommer verbrachte ich mit vielen schönen Fahrten durchs Land und ich gewöhnte mich langsam,
an diese Gegend und meinen Zweibeiner.

© Foto: A. Hoffmann

Eines schönen Sommertages im Jahre 2025 bekam ich aber einen großen Schreck.
So nach 20 Min Fahrt, standen wir plötzlich am Ende einer Straße.
Vor uns viel Staub und ein mächtiges Gerumpel, so das ich vor Schreck das einatmen vergas,
und mein Motor kling klong, einfach stehen blieb, weil ihm die Luft fehlte.
Ein Ungeheuer aus Eisen und riesigen Schaufeln, in denen ich bequem Platz gefunden hätte,
drehte irgendwas aus der Erde raus und lies diesen Erdraum irgendwie in sich verschwinden.
Fantastisch, fand ich, riesig aber auch fürchterlich.
Als ich da noch erschüttert und bestäubt rumstand, bekam mein Zweibeiner einen Anruf aufs Handy.
Die Stimme kannte ich, aber ich konnte mich nicht mehr so genau erinnern, welcher andere Zweibeiner dazu passte.
Egal, es schien sich um ein Geschäft zu handeln, denn mein Zweibeiner wurde ganz aufgeregt und meinte,
das er sich das gut vorstellen könne und er zum Herbst hin eh an einen Verkauf gedacht habe, da er kaum Zeit habe sich gut um mich zu kümmern.
Recht hatte er, genau, das hatte ich vorher anders erlebt.
Der Sommer kam, der Sommer ging, ich fuhr noch etliche Male in den Bürgerwald, auch weil sich dort nun regelmäßig etliche Zweibeiner trafen,
um über irgendeine Folge des Ausstiegs aus der Kohle zu sprechen.
Eines Abends, kurz vor Beginn der Herbstferien 2025, klingelte es an meiner Garage.
Oh die Freude war groß, den Zweibeiner kannte ich, von vor damals, oder so.
Ja es war ein ostdeutscher Mensch, mit komischer Sprache und er sagte, dass er sich ja hier fast wie zuhause fühle.
Er käme ja aus der Lausitz und wolle seiner Frau zum Hochzeitstag ein offenes Fahrzeug schenken. Ich wäre genau das, was er suche.
Hm, gut oder schlecht für mich? Ich wurde ganz verwirrt, sollte ich ggf. wieder woanders leben?
Es war hier doch gerade schön geworden.
Aber meine Zweibeiner entschieden sich für meinen Verkauf.
Noch am selben Abend packte der fremde Zweibeiner meine Papiere zusammen, ließ sich meine kleinen Geheimnisse zeigen und schmiss sich bei Einbruch der Dunkelheit in meinen Fahrersitz, so das bei mir alle Federn quietschten.
Ups, na das war je ein wilder Hüpfer.
Obwohl es schon Ende Oktober war, die Nacht frisch und niesig, brachte mich Willi, so hieß der Zweibeiner, über endlose Landstraßen.
Wir fuhren mit offenem Verdeck, durch die Nacht zum meinem neuen Zuhause.

Am Tag meiner Ankunft, als er mich morgens aus der Garage schob, hatte er über Nacht vergessen,
meine Beleuchtung auszuschalten und meine Batterie machte schlapp.
Tja. Strom brauchen alle, dachte ich, auch die Zweibeiner, hoffentlich gibt’s immer genug davon, und ohne so viel Qualm.
Da war mir, als ob ich zuvor gar nicht den Ort, oder gar das Land gewechselt hätte.
Der Geruch, die Gegend, das Aussehen, es war fast alles gleich hier und so wartete ich dann zufrieden und voller guter Erwartung auf Kommendes, Neues und Gesundes in meiner neuen Garage.
Im darauffolgenden Frühjahr 2026, gabs für mich die erste Ausfahrt zum Lausitzer Becken.
Mit mir was alles fit und in Ordnung. Wir hielten an einem besonderen Platz,
an dem nun ein schöner Freizeitpark entsteht, in dem ich dann auch später mal wohnen darf.
Obs dann ein Seniorenpark wird, wer weiß.
Und wenn ich weiter gut gepflegt werden, die Zweibeiner friedlich bleiben und die alten Wunden die sie angerichtet haben,
konstruktiv und nachhaltig versorgen werden, dann könnte das der Beginn einer guten Freundschaft werden.
Es grüßt euch, Euer Frosch

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