Wer heute durch Neu-Bottenbroich fährt, ahnt kaum, dass sein Vorgängerort wenige Kilometer entfernt seit Jahrzehnten unter dem Braunkohlentagebau verschwunden ist. Umso eindrucksvoller ist ein handschriftliches Manuskript aus dem Jahr 1967, das unter dem Titel „Die Geschichte meines Heimatortes“ die Entwicklung Bottenbroichs über mehr als sieben Jahrhunderte nachzeichnet. Verfasst wurde es von Guido Wolf nur wenige Jahre nach der Umsiedlung des Dorfes. Das rund 70 Seiten umfassende Heft verbindet Ortsgeschichte, persönliche Erinnerung und reiches Bildmaterial zu einem außergewöhnlichen Zeugnis der Erinnerungskultur.

Vom Kloster zum Dorf

Den Ausgangspunkt der Darstellung bildet das Zisterzienserkloster Bottenbroich. Seine Gründung im 13. Jahrhundert wird als Ursprung des Dorfes verstanden. Über Jahrhunderte prägte das Kloster nicht nur das religiöse Leben, sondern auch Wirtschaft, Landwirtschaft und Siedlungsentwicklung. Schenkungen und umfangreicher Grundbesitz ermöglichten eine wirtschaftliche Blüte, bevor das Kloster im Spätmittelalter in eine Krise geriet und schließlich als Zisterzienserpriorat neu organisiert wurde.

Ausschnitt aus dem Manuskript mit zwei eingeklebten Fotos des Zisterzienserklosters Bottenbroich vor dem Abriss (Quellen der Fotos unbek.; © Manuskript Guido Wolf)
Ausschnitt aus dem Manuskript mit zwei eingeklebten Fotos des Zisterzienserklosters Bottenbroich vor dem Abriss (Quellen der Fotos unbek.; © Manuskript Guido Wolf)

Von der Landwirtschaft zur Braunkohle: Bottenbroich verändert sich

Noch bis ins späte 19. Jahrhundert beschreibt Guido Wolf Bottenbroich als typisches Bauerndorf. Fachwerkhäuser, kleine Höfe und Ackerbau bestimmten den Alltag. Doch mit der Ausweitung des Braunkohlenbergbaus begann sich, so Wolf, das Dorf grundlegend zu verändern. Viele Bauern arbeiteten zunächst zusätzlich in den Gruben. Landwirtschaft und Bergbau bestanden über Jahrzehnte nebeneinander, bevor immer mehr Höfe aufgegeben wurden. Rheinbraun kaufte Flächen auf, der Tagebau veränderte die Landschaft und die Berufsstruktur verschob sich deutlich zugunsten der Industrie. Karten, Tabellen und Fotografien früher Großgeräte, die Guido Wolf vielfach dem Text beifügte, dokumentieren diesen Wandel.

Ausschnitt aus dem Manuskript mit Abbildungen von Baggern im Tagebau um die Jahrhundertwende (Quellen der Fotos unbek.; © Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Abbildungen von Baggern im Tagebau um die Jahrhundertwende (Quellen der Fotos unbek.; © Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit einer Karte von Bottenbroich, gekennzeichnet auch die Grundstücke der Braunkohlengesellschaften (Quelle der Karte unbek.; © Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit einer Karte von Bottenbroich, gekennzeichnet auch die Grundstücke der Braunkohlengesellschaften (Quelle der Karte unbek.; © Manuskript Guido Wolf).

Bottenbroichs besonderer Erinnerungsort: die Kirche

Einen überraschend großen Teil des Manuskripts nimmt die ehemalige Klosterkirche ein. Guido Wolf beschreibt ihre Baugeschichte ebenso ausführlich wie ihre Ausstattung. Fresken, Glasfenster, Altäre und Skulpturen werden als Zeugnisse einer jahrhundertelangen Kulturgeschichte vorgestellt. Besondere Aufmerksamkeit widmet er der spätgotischen Pietà, der „Schmerzhaften Mutter“, die Bottenbroich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort machte. Der Autor dokumentiert die Kirche damit nicht nur als Bauwerk, sondern als identitätsstiftenden Erinnerungsort der Dorfgemeinschaft.
Die Pietà befindet sich heute mit einigen weiteren Kunstwerken aus der Klosterkirche in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Mariä Himmelfahrt in Frechen-Grefrath. Das sogenannte „Bottenbroicher Fenster“ mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts aus dem Jahr 1533 wird im Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln aufbewahrt.

Ausschnitt aus dem Manuskript mit Foto der Pfarr- bzw. Klosterkirche von Bottenbroich (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Foto der Pfarr- bzw. Klosterkirche von Bottenbroich (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Abbildung der Pietà aus der Bottenbroicher Klosterkirche (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Abbildung der Pietà aus der Bottenbroicher Klosterkirche (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).

Der Preis der Braunkohle

Besonders bemerkenswert sind die folgenden Kapitel, denn hier verlässt Guido Wolf den sachlichen Abriss im Sinne einer Chronik und schildert die Umsiedlung als tiefen Einschnitt. Er erkennt ausdrücklich an, dass die neue Siedlung bessere Wohnverhältnisse, moderne Infrastruktur und günstige Verkehrsanbindungen bot. Gleichzeitig formuliert er aber auch einen Gedanken, der diesen Abschnitt des Manuskripts prägt: Ausgerechnet der Reichtum unter der Erde sei den Bewohnern „zum Verhängnis geworden“, weil er Haus, Hof, Kirche und schließlich das ganze Dorf gekostet habe. Technischer Fortschritt und Heimatverlust werden aber dennoch nicht gegeneinander, sondern nebeneinandergestellt: einerseits der Gewinn an Lebensqualität, aber anderseits auch der Verlust eines über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen Zusammenhangs.

Ausschnitt aus dem Manuskript mit Foto des Tagebaus im Bereich des Altorts (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Foto des Tagebaus im Bereich des Altorts (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).

Ein neues Dorf entsteht

Der abschließende Teil der Darstellung widmet sich Neu-Bottenbroich. Guido Wolf beschreibt ausführlich die Planung der neuen Siedlung, ihre moderne Architektur, die großzügigen Grundstücke und den zentralen Dorfplatz mit Kirche, Schule und Gastwirtschaft. Besonders wichtig ist ihm jedoch, dass nicht nur Häuser, sondern auch die Dorfgemeinschaft umziehen konnte.
Vereine wurden neu gegründet, Nachbarschaften blieben bestehen und das gesellschaftliche Leben entwickelte sich erneut. Zahlreiche Fotografien zeigen Straßen, Wohnhäuser, Spielplätze und öffentliche Gebäude als Ausdruck eines gelungenen Neuanfangs. Die Auszeichnung im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ aus dem Jahr 1966 versteht er als Bestätigung dieses Weges.

Ausschnitt aus dem Manuskript mit Urkunde „Unser Dorf soll schöner werden“ (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).
Ausschnitt aus dem Manuskript mit Urkunde „Unser Dorf soll schöner werden“ (Quelle des Fotos unbek.; Manuskript Guido Wolf).

Ein Zeitzeugnis der besonderen Art

Heute kann Guido Wolfs Manuskript als weit mehr als eine Ortschronik verstanden werden. Es ist ein zeitgenössisches Zeugnis dafür, wie Bewohnerinnen und Bewohner den tiefgreifenden Wandel des Rheinischen Reviers in den 1960er-Jahren wahrnahmen. Bemerkenswert ist dabei sein ausgewogener Blick: Weder romantisiert er das verschwundene Dorf noch verklärt er die moderne Siedlung. Stattdessen hält er fest, was die Umsiedlung bedeutete – den Verlust eines historischen Ortes und zugleich den Beginn einer neuen Heimat.
Aus heutiger Sicht erscheint besonders interessant, dass Guido Wolf bereits 1967 einen Rückgang der Braunkohleförderung und einen bevorstehenden wirtschaftlichen Strukturwandel anspricht. Jahrzehnte bevor diese Themen die öffentliche Debatte bestimmten, erkannte er, dass sich das Rheinische Revier erneut verändern würde.

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